Anschlüsse (Continuity) und warum sie für Film und Video wichtig sind

Anschlüsse gibt es nicht nur am Bahnhof

Kontinuität Anschluss Continuity Film Video
Kontinuität Anschluss Continuity Film Video

Damit ein Film beim Publikum erfolgreich sein kann, muss er vor allem eines erreichen: Der Betrachter muss glauben, was er beobachtet, bis zu dem Punkt, dass er etwas Realismus und Logik opfern kann, um die Erfahrung genießen zu können. Dabei spielen Anschlüsse und die Kontinuität (Continuity) eine entscheidende Rolle.

Kontinuität in einem Film oder Video zu schaffen ist nicht einfach. Ob das Werk fiktiv (Spielfilm) ist oder auf seine Kraft aus der Realität bezieht (Dokumentarfilm) ist dabei zweitrangig.  Nicht einmal die besten Regisseure und größten Filme sind in dieser Hinsicht perfekt. Jeder Film, egal wie großartig er ist und wie teuer er produziert wurde, hat seinen Anteil an Fehlern. Einige Kontinuitätsfehler sind dabei auf den ersten Blick erkennbar. Andere erfordern ein geschultes Auge.

Bei jeder professionellen Filmproduktion findet sich beim Dreh ein Spaßvogel in der Crew, der behauptet: «Anschlüsse gibt es nur am Bahnhof!»

Dieser Beitrag erklärt, warum die Kontinuität bei Film, Fernsehen und Video eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung des Zuschauers spielt. Zugleich nennt und zeigt er mit Ausschnitten Beispiele aus bekannten Filmen, bei denen es im Eifer des Gefechtes nicht gelungen ist, die Continuity aufrechtzuerhalten.

Was sind Anschlüsse bei Film und Video?

Was sind Anschlüsse bei Film und Video?

Filmkontinuität ist die Sicherstellung, dass aus verschiedenen Blickwinkeln und bei der Montage von unterschiedlichen Einstellungsgrößen an einem einzigen Ort stets die gleiche Position von Charakteren, Objekten, Kostümen und Requisiten gewährleistet ist. Auch Dialoge können Gegenstand der Continuity sein.

Anschlussfehler gehören zu den häufigsten Fehlern der Filmproduktion. Jungfilmer betreffen sie ebenso wie Hollywood. Das Konzept der Filmkontinuität ist sehr leicht zu verstehen. Aber sehr schwierig und aufwendig umzusetzen. Die Begriffe Filmkontinuität (engl. Continuity) und die meist auf dem Filmset verwendete Bezeichnung Anschlüsse stehen alle für dasselbe.

Anschlüsse (Continuity): Beispiele für Kontinuitätsfehler

Beispiele für Kontinuitätsfehler

Viele Filmfehler sind Kontinuitätsfehler. Betroffen davon sind auch berühmte Filme, Klassiker und Blockbuster. So komisch und unverständlich solche Patzer auf den unwissenden Entdecker wirken mögen, unerklärlich sind solche Fehler nur für Personen, die noch nie bei Dreharbeiten auf dem Filmset anwesend waren. Im Druck und tagelangen Stress geht schnell einmal etwas vergessen oder gerät etwas durcheinander – das gilt auch für die erfahrensten und besten Script Supervisor der Welt.

In der Montage, wo jedes Bild vielfach angesehen wird, werden die meisten Fehler zwar früher oder später vom Cutter erkannt. Wo aber fehlerfreies Material nicht vorhanden ist, muss man sich oftmals zähneknirschend für die Verwendung der bestehenden Aufnahmen mit fehlerhaften Anschlüssen entscheiden. Digitale Retuschen sind zwar eine Option, aber nur wenn das Budget und die Zeit dafür vorhanden sind.

Der Klassiker aller Anschlussfehler, und dazu in einem absoluten Kultfilm: Ein vierstrahliges Düsenflugzeug (Boeing 747) wird im Landeanflug zu einer Boeing 767 mir nur zwei Triebwerken:

VorschaubildAnschlussfehler Beispiel: Die üblichen Verdächtigen (1995)

Auch ein Problem der Continuity. Im Gegenschuss ist das Schachbrett plötzlich leer:

VorschaubildAnschlussfehler Beispiel: Ace Ventura - Jetzt wird's wild (1995)

Fenster gehen zu Bruch, sind aber am Ende der Sequenz im Hintergrund plötzlich wieder intakt:

VorschaubildAnschlussfehler Beispiel: Spider-Man (2002)

Keine Anschlussfehler (auch wenn auf vielen Webseiten und bei YouTube in Beispielvideos als solche aufgeführt) sind Pannen, die nicht zum Aufgabenbereich des Verantwortlichen für Kontinuität gehören:

Rutscht bei einem Darsteller in einem historischen Spielfilm plötzlich der Ärmel hoch und zeigt eine Digitaluhr, ist das kein Anschlussfehler. Aufgabe des Script Supervisors ist es, dafür zu sorgen, dass der Darsteller immer dieselbe Uhr am gleichen Handgelenk trägt. Ob er eine Uhr trägt, ist keine Frage der Continuity. Trotzdem wird der erfahrene Profi in einem solchen Fall natürlich auf den Fehler hinweisen. Immer vorausgesetzt, der Fehler wird entdeckt.

Ebenso ist eine sich in einer Glastür spiegelnde Kamera ein Filmfehler, hat aber nichts mit Continuity zu tun. Hier waren Cameracrew oder der Cutter (falls es Aufnahmen ohne Spiegelungen gab) nicht aufmerksam genug:

Vorschaubildsich spiegelnde Kamera bei Titanic (1997) - Kein Filmfehler

Dasselbe gilt, wenn ein Mikrofon am oberen Bildrand erscheint oder im Hintergrund ein neugieriger Statist direkt in die Kamera blickt.

Anschlüsse (Continuity): Warum sind Anschlüsse wichtig?

Warum sind Anschlüsse wichtig?

Um ihr Publikum zu gewinnen, müssen Filme dieses in die Handlung einbeziehen. Es soll in die Filmwelt eintauchen, dem Film vertrauen und glauben und die Realität für einen Moment vergessen.

Ein Beispiel zur Illustration von Anschlussproblemen:

Die Hauptfigur in einem Spielfilm raucht in einer Halbtotalen eine Zigarette. Im Anschluss, beim Umschnitt auf die Nahaufnahme ist die Zigarette (die bei der Umplatzierung der Kamera weiter gebrannt hat) plötzlich ein ganzes Stück kürzer. Oder eine Figur trinkt aus einem Glas Milch. Nach dem nächsten Schnitt steht das Glas auf dem Küchentisch – und hat sich seltsamerweise plötzlich wieder aufgefüllt (weil die Einstellungen in umgekehrter Reihenfolge gedreht wurden). Das Filmpublikum wundert sich.

Ebenso irritierend wäre bei der Continuity eine Änderung der Glasposition auf dem Tisch: Ein Milchglas steht zuerst rechts vom Darsteller. Im nächsten Bild befindet es sich links vom Darsteller. Das kommt häufiger vor, als man denkt. Auch bei den Kostümen (ein Krawattenknoten ändert beim Anschluss plötzlich seine Form), bei Frisuren (der Scheitel des Hauptdarstellers springt von links nach rechts) oder Requisiten (die Uhr an der Wand zeigt in derselben Szene unterschiedliche Zeiten) oder beim Wetter (Wolken am Himmel haben plötzlich eine andere Form), gehört das Thema Anschlüsse zum Alltag.

Fehler bei der Kontinuität erinnern den Zuschauer daran, dass er „nur“ ein Video sieht. Ohne korrekte Continuity fällt der Zuschauer aus seiner Rolle. Er wird wegen dem falschen Anschluss zum Kritiker und Analyst, statt Genießer und Konsument zu bleiben. Bis sich das Filmpublikum nach einem Filmfehler erneut und ohne Vorbehalte auf die Filmhandlung einlässt, vergeht viel wertvolle Filmzeit.

Anschlüsse (Continuity): Wer ist für Kontinuität im Film verantwortlich?

Wer ist für Kontinuität im Film verantwortlich?

Die Sicherstellung der Continuity in einem Filmprojekt ist ein eigener Filmberuf. Er nennt sich Script Supervisor. Dessen Arbeit beginnt oftmals schon während der Vorproduktion, geht anschließend nahtlos in die Filmproduktion über und endet mit der Postproduktion. Um die Kontinuität zwischen dem Drehbuch und dem, was gefilmt wird, zu gewährleisten, berät und begleitet er eine Vielzahl von weiteren Funktionen wie Garderobe / Kostüme, Requisiten, Bühnenbild und Make-up und verhindert damit Probleme beim Anschluss.

Zu den wichtigsten Aufgaben des Script Supervisors gehört es, ein detailliertes Protokoll der täglichen Aufnahmen über die Anschlüsse für die Produktion zu führen. In diesen Protokollen, die als Gedankenstütze für die eigene Arbeit dienen, aber auch als Memo an andere Beteiligte am Produktionsprozess verteilt werden, wird genau dokumentiert, welche Einstellung was zeigt und wie ein Anschluss sein muss.

Diese Protokolle können auch die Nummern der jeweiligen Einstellungen, Regiekommentare, Kameraeinstellungen und weitere Angaben beinhalten. Nach Abschluss der Dreharbeiten gehen diese Tagesprotokolle in der Regel an das Postproduktionsteam und an die Editoren. Filmszenen sind selten in der Reihenfolge aufgezeichnet, in der sie im Drehbuch als Geschichte geschrieben wurden. Mit den Notizen wird die Konsistenz der jeweiligen Szenen gewährleistet.

Die Gewährleistung der inhaltlichen Kontinuität und der Anschlüsse bei einem Projekt für Fernsehen oder Film erfordert die Fähigkeit, das Drehbuch konsistent zu interpretieren. Ebenso sind Fotos, Protokolle und Produktionshinweise für die Continuity mit größter Sorgfalt zu erstellen.

Eine enge Zusammenarbeit mit dem Regisseur und den Schauspielern, der Kameracrew und den weiteren Beteiligten an der Filmherstellung ist für diesen Beruf unerlässlich. Entsprechend hoch sind nicht nur die Anforderungen an das fachliche Know-how, sondern auch an die Sozialkompetenz.

Anschlüsse (Continuity): Vier Gruppen von Kontinuitätsproblemen

Arten von Kontinuitätsproblemen

Die Gewährleistung der Kontinuität und die damit verbundenen Probleme und Herausforderungen lassen sich für Bewegtbild in vier Bereiche unterteilen. Die Unterteilung bezieht sich dabei auf die Dreharbeiten. Unterläuft dem Cutter im Rahmen der Montage ein Fehler, führt das am Ende für den Zuschauer zwar ebenfalls zu einem Kontinuitätsproblem. Die Hauptanstrengungen sollten aber darauf hinauslaufen, auf dem Filmset beim Dreh erst gar keine derartigen Probleme entstehen zu lassen.

  1. Darsteller / Maske
  2. Kostüme
  3. Requisiten
  4. Achsensprung (180 Regel)

Für den Erfolg an der Kinokasse kann die Continuity entscheidend sein. Aber auch bei der Wirkung eines Imagefilms oder Werbevideos spielt die Kontinuität eine wesentliche Rolle.

1. Darsteller / Maske

Professionelle Darsteller wie auch Laien schaffen es mühelos, vor der Kamera während einer Dialogszene mit der rechten Hand nach einem Glas zu greifen und sich gleichzeitig dabei mit den Fingern der anderen Hand über den Mund zu wischen.

Wird nun aber zwischen zwei Einstellungen, beispielsweise Mastershot und Nahaufnahme, die Position der Kamera verändert, kann das für den Darsteller schnell einmal eine Pause von zehn oder mehr Minuten bedeuten. Kurz die E-Mails prüfen oder ein Anruf getätigt, sich von der Maske die Haare überprüfen lassen und dabei ein paar nette Worte gewechselt … – und weiter geht es. Und plötzlich greift neu die linke Hand nach dem Glas, weil dieses in der Zwischenzeit neu aufgefüllt und an leicht anderer Position auf dem Tisch steht.

Im besten Fall bemerkt die Continuity den Fehler im Anschluss sofort und korrigiert ihn. Im zweitbesten Fall tut dies die Regie, die Kameracrew oder die 1. Regieassistenz. Ist das nicht der Fall, wundert sich Wochen später der Editor im Schnitt über das ihm zugestellte Material und die falschen Anschlüsse. Vielleicht kann er die fehlerhafte Kontinuität der Aufnahme dadurch retten, dass er diese horizontal spiegelt. Meist aber ist dies keine Option, weil diese Art Lösung den Zuschauer noch mehr verwirren würde als ein Glas, das beim Umschnitt von einer Hand in die andere springt.

Ein Schönheitsfleck der Hauptdarstellerin wechselt während der Geschichte die Gesichtsseite:

VorschaubildKontinuität im Film: hier haben Maske und Script Supervisor versagt

Erfahrung und Professionalität sind auch mit Bezug auf die Anschlüsse im Film Gold wert. Wer hier spart, riskiert eine Menge Anschlussfehler und braucht sich über Probleme beim Schnitt nicht zu wundern.

2. Kostüme

Ein weiterer Bereich, der für jeden Filmemacher eine Herausforderung darstellt, sind Kostüme. In der Regel behält die Garderobe alle Kostüme der Schauspieler konstant im Auge und fotografiert sie. Damit lässt sich die Einheitlichkeit der Kontinuität sicherstellen.

Hier ein Beispiel, in dem die Hosenträger des Hauptdarstellers in einer Einstellung verschwinden, dann aber wieder auftauchen:

VorschaubildContinuityfehler: Hosenträger verschwinden

Vor der ersten Aufnahme wird das Kostüm (am Schauspieler) fotografiert. Dieses Foto ist die Referenz für alle weiteren Einstellungen. Schreibt das Drehbuch vor, dass ein Teil des Kostüms sich verändert (verdreckt, zerreißt, vom Regen durchtränkt wird, etc.), wird auch diese Veränderung fotografisch dokumentiert.

Besonders wichtig wird dies dann, wenn ein Schauspieler tageweise Drehpausen hat. Ohne Fotos ist niemand in der Lage, sich verlässlich und exakt daran zu erinnern, wie groß der Krawattenknoten des Hauptdarstellers vor einer Woche gebunden war oder ob die Bluse der Hauptdarstellerin bis zum obersten oder bis zum zweitobersten Knopf geschlossen war.

Fotos (oder Prints von Screenshots) sind die Zauberwaffe gegen Fehler bei der Bildkontinuität.

3. Requisiten

Stühle haben es in sich. Etwas Unaufmerksamkeit auf dem Set reicht und bei der nächsten Aufnahme (oder Wiederholung) stehen die Stühle leicht anders am Tisch. Kontinuitätsfehler sind bei Drehs, an denen Leute von Tischen aufstehen oder sich an Tische setzen, nahezu programmiert.

Darum arbeitet man auch hier zur Vermeidung von Problemen beim Anschluss, ähnlich wie bei den Requisiten, mit einer sauberen Dokumentation und mit Fotos. Alles andere führt zu Filmfehlern.

4. Achsensprünge

Sprünge über die Bildachse gehören in die erste Stunde der ersten Lektion für angehende Filmemacher. Trotzdem gilt es, auf Achsensprünge zu achten. Ganz besonders, wenn ein Filmprojekt im Dokumentarstil, mit wenig Budget oder mit einem hohen Grad an Improvisation realisiert wird.

Ein Achsensprung verwirrt den Zuschauer. Zwar hält hier kein Darsteller ein Glas einmal links und einmal rechts in der Hand. Die Bildwirkung aber ist für die Continuity vergleichbar, wenn wir in einer Dialogszene einer Person je nach Einstellungsgröße links und rechts über die Schulter blicken.

Fazit: Anschlüsse (Continuity) und warum sie für Film und Video wichtig sind

Fazit

Kontinuität hilft, die Illusion einer vom Filmemacher bewusst geschaffenen Welt zu gewährleisten. Der Script Supervisor (oder bei Low Budget Filmen eine Person, die dessen Funktion möglichst auszufüllen versucht) ist darum ein wesentliches Merkmal professioneller Filmproduktionen.

Filmfehler im Bereich der Filmkontinuität entstehen meist nicht im Schnitt durch Unachtsamkeit des Editors oder Color Graders, sondern auf dem Filmset. Fotos helfen bei der Dokumentation von Anschlüssen, damit sich Szenen und Einstellungen nahtlos aneinanderreihen.

Mit der Gewährleistung der Filmkontinuität wird auch sichergestellt, dass im Bildschnitt alle verfügbaren Aufnahmen genutzt respektive für das fertige Werk in Betracht gezogen werden können. Maximale Schnittmöglichkeiten wiederum machen Schauspieler größer, das Filmerlebnis intensiver und damit erfolgreicher.


Im Interesse der Lesbarkeit ist im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich immer miteingeschlossen. | © filmpuls logo

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