Schnellanleitung für die Analyse von Filmen und Videos

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Die Botschaft hinter der Botschaft | © Grafik: FreePik

Man kann einen Film einfach ansehen. Oder diesen lesen. Und dabei dem Bauplan eines Videos auf den Grund gehen. Eine solche Analyse hat ihren ganz besonderen Reiz. Denn sie eröffnet den Blick in das Hirn des Regisseurs.

Jede Sprache hat ihre Grammatik. Das ist auch bei der Videoproduktion so. Die Filmsprache setzt sich zusammen aus bewussten und unbewusst getroffenen Entscheidungen. Sie alle unterwerfen sich einem Ziel: eine Geschichte möglichst spannend zu erzählen.

Das musst du wissen:

  • Jeder Film und jeder Filmemacher folgt Regeln. Bewusst oder unbewusst sagt uns unser Gefühl in einem erstaunlich hohen Ausmaß, was bei der Filmgestaltung richtig (oder falsch) ist.
  • Weil die Mehrzahl der Regisseure und Kameraleuten diesen Grundregeln bei der Inszenierung folgt, kannst du daraus Rückschlüsse ziehen. Sie geben dir Einblick in die „Bauart“ eines Filmes und öffnen dir neuen Verständnis- und Blickwinkel.
  • Die sieben wichtigsten Regeln der Bildgestaltung findest du hier in diesem Artikel.

Filme lesen und verstehen

Filmpuls Magazin

Das große Privileg von Film und Video ist es, dass man sie ohne Vorwissen ansehen kann. Es braucht keine Anleitung um Bewegtbild verstehen zu können. Es sei denn, es handle sich um ein hochgradig künstlerisches, oder inhaltlich missglücktes und damit unverständliches, Werk.

Weil Filme für Menschen gemacht sind, folgen ihre Wahrnehmungsmechanismen der Art, wie wir bewegte Bilder wahrnehmen, fühlen und einordnen.

Vor diesem Hintergrund sind auch die bekannten Regeln wie der Goldene Schnitt, die Digitalmethode oder die sogenannte 2-drittel-Regel entstanden. Sie alle teilen die Absicht eine gefühlte Gesetzmäßigkeit zu einer allgemein funktionierenden Regel umzudeuten.

Bewährte Faustregeln und Wahrnehmungsmechanismen

Die Positionierung einer Person im Filmbild oder der Blickwinkel der Kamera sind gute Beispiele dafür, wie Wahrnehmung und gestalterische Faustregeln zusammenwirken.

So empfinden wir beispielsweise einen Schauspieler, der etwas rechts von der Mitte im Bild steht, als ideal positioniert. Zugleich erscheint uns eine Person, die sich rechts von der Kameraachse befindet, als freundlicher (oder positiver) im Vergleich zu einer Positionierung links der Bildmitte.

Umgekehrt wirkt eine Person, die genau zentriert ist, objektiver. Stehen zwei Personen im Bild, kommt uns die Person auf der rechten Seite dominant vor.

Der bekannte Filmkritiker Roger Ebert spricht darum auch von einer starken Achse. Er hat als erster die in diesem Beitrag vorgestellten Filmregeln einfach verständlich als Leseanleitung für Filme skizziert.

Natürlich beanspruchen solche Gesetzmäßigkeiten keine absolute Gültigkeit. Sie folgen einer Mischung aus Erfahrung, Gefühl und eigener Wahrnehmung.

Trotzdem lassen sich eine erstaunlich hohe Anzahl dieser Regeln immer wieder beobachten. Die Mehrzahl der Regisseure und Filmgestaltung nutzt sie nämlich dazu, die Wirkung bewegter Bilder ganz gezielt auszurichten.

Was mit dir geschieht, wenn du Filme lesen kannst

Wenn du diese Regeln der Filmgestaltung kennst, passieren verschiedene gute Dinge.

  • Erstens wirst du Videos mit neuen Augen ansehen und dabei erkennen, dass es viel weniger Zufälligkeiten gibt, als du denkst.
  • Zweitens erarbeitest du dir damit auf einfache Weise einen Schlüssel, mit dem du in den Kopf des Regisseurs oder Kameramanns eintauchtet.
  • Drittens stößt du damit immer wieder auf erzählerische Metaebenen, die dem normalen Zuschauer verborgen bleiben.

So liest du Filme und Videos

Hier sind die wichtigsten Regeln:

  1. Was sich rechts von der Kamera befindet, wirkt positiver, als wenn es links positioniert ist. Das gilt auch für Bewegungen. Was sich von links nach rechts bewegt, kommt uns natürlich vor.
  2. Die Unterscheidung von rechts und links gilt sogar dann, wenn es um Zukunft oder Vergangenheit geht. Vergangenes ist in der Regel auf der linken Seite zu finden. Die Zukunft lebt auf der rechten Seite.
  3. Ebenso hat, was sich im Vordergrund befindet, auf den Zuschauer eine viel stärkere Wirkung, als Personen oder Dinge im Hintergrund. Auch was in der unteren Bildhälfte liegt, bewegt uns viel weniger als alles in der oberen Bildhälfte.
  4. Diagonalen korrigiert unser Hirn bei der Neigung unseres Kopfes automatisch. Aufnahmen, bei denen die Kamera sich nicht am Horizont orientiert, wirken auf uns darum unnatürlich. Die Welt ist in solchen Aufnahmen aus den Fugen geraten.
  5. Bewegungen, darauf beruht zu einem wesentlichen Teil die Kraft des Films, sind unbestrittener Maßen stärker als statische Aufnahmen. Selbst, wenn sich die Kamera nur unmerklich verschiebt, verleiht sie dem Filmbild damit Räumlichkeit. Ein Prinzip, was in hochwertigen Spielfilmen und Serien fast in jeder Szene zu beobachten ist.
  6. Einfach nachvollziehbar ist auch, dass eine Kamera, die auf eine Person hinunter blickt, diese naheliegenderweise kleiner macht, während eine Position unterhalb der Augenlinie einen Menschen größer, möglicherweise aber auch gefährlicher wirken lässt. Geht die Kamera extrem in die Höhe, wird der Mensch zu einem Käfer oder einer Ameise und nahe an die Bedeutungslosigkeit verdammt. Im Gegensatz dazu macht die Froschperspektive Personen zu göttergleichen Riesen.
  7. Anspruchsvoller wird es bei der Lichtgestaltung. Der Filmzuschauer fühlt sich zwar eher zu helleren Bereichen hingezogen. Dazu sind aber dunkle Bildzonen notwendig. Der dadurch entstehende Kontrast kann aber auch als Rahmen wirken, der unseren Blick lenkt. Möglicherweise auf lichtarme Zonen weit im Hintergrund.

Keine Regel ohne Ausnahme

Abschließend darf man hier, wie immer in der Gestaltung von Video und Film, feststellen: Es gibt keine Grundsätze, die man nicht auch auf den Kopf stellen kann. Gerade dadurch kann eine besonders starke Wirkung entstehen.

Dabei gilt es natürlich zu berücksichtigen, dass jeder Regelbruch immer im Kontext mit der Handlung erfolgt.

Denn bekanntlich gibt es beim Filmemachen nur Sünden, keine Regeln. Wobei die größte Sünde das Unwissen ist. Diesem Zitat von Frank Capra ist nichts mehr beizufügen.

Filmanalayse: Mehr dazu

  • Understanding Movies, Buch von Louis D. Giannetti
  • Film Art: An Introduction, Buch von David Bordwell und Kristin Thompson

Im Interesse der Lesbarkeit ist im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen. | © filmpuls online magazin logo

Wer ist Zachery Z.? 13 Artikel
Zachery Zelluloid (63) ist in der Unterhaltungsindustrie tätig. Er schreibt unter Pseudonym, weil er weder seine vertraglichen Schweigepflichten verletzen, noch das wirtschaftliche Fortkommen der Berufsgattung Anwalt fördern oder Freunde brüskieren will. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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