Oscar-Gewinner Andrew R. Jones: «Ich dachte mir, das klingt wie eine tolle Herausforderung!»

Exklusives Interview

Interview Andy R. Jones, Animation Director
Interview mit dem 2fachen Oscargewinner Andrew R. Jones, Animation Director | © Foto: IMDB

Andrew R. Jones ist in der Welt der Computeranimation ein ganz Großer. Seine Arbeit prägt Hollywood-Blockbuster wie Titanic (1997), Final Fantasy (2001), I Robot (2004), World War Z (2013), Godzilla (2014) oder Avatar (2009). Zwei Oscars und eine imposante Liste von Nominationen und Auszeichnungen dekorieren sein Portfolio als Animation Director.

Andy lebt mit seiner Familie in der Schweiz, arbeitet zurzeit allerdings in London am Remake von «The Lion King». Regelmäßig ist er auch in LA anzutreffen, wo er zahlreiche private und berufliche Kontakte hat. Andrew R. Jones ist jemand, der angenehm unspektakulär und bescheiden auftritt. Er hatte Freude und war motiviert, als ich ihn für ein Interview angefragt hatte. Auch wenn seine Arbeitstage aktuell sehr lang und intensiv sind, hat sich Andrew R. Jones gut gelaunt Zeit genommen für mich.

Andrew R. Jones Animation Director Interview Filmpuls
Andrew R. Jones (2. v.L.) gewinnt einen Oscar für «Jungle Book» | © Foto: SRF

Andrew R. Jones wurde 1972 in San Francisco geboren. Seine Karriere hat ihn schnell in ungeahnte Höhen geführt: Erst 25 Jahre alt, wurde er von Regisseur James Cameron zum Leiter des Bereichs Animation (Animation Director) für dessen Mega-Blockbuster «Titanic» gemacht. Trotzdem ist Andrew R. Jones mit beiden Beinen auf dem Boden stehen geblieben. Andy ist ein Familienmensch, dessen Kinder langsam aber sicher verstehen, dass ihr Vater während gewissen Zeitperioden immer wieder hyperbusy ist – umgekehrt dann aber nach Ende eines Projektes auch überdurchschnittlich viel Zeit mit seiner Familie verbringen kann.

Interview mit Andrew R. Jones, Animation Director

Unser Gespräch erfolgte in englischer Sprache und wurde für Filmpuls auf Deutsch übersetzt. Du findest es im Original (englische Sprache) als Podcast hier:

Viel Spaß beim Interview mit Andy, einem echten Rockstar seines Fachs. Oder eben: Anti-Rockstar. Denn so spektakulär seine Beiträge als Animation Director zu vielen Blockbustern auch sein mögen, so ‚down to earth’ wirkt er als Person. Ich habe mich mit Andrew R. Jones via Skype über verschiedene Aspekte und Herausforderungen seiner einzigartigen Karriere unterhalten.

Neil Raouf: Danke, dass du dir trotz deiner aktuellen Arbeitsauslastung Zeit nimmst, für dieses Interview! Sieht das bei dir so aus, dass du Zeiten hast, in denen du frei hast und Zeiten, wo du an einem Projekt arbeitest und sehr besetzt bist?

Andrew R. Jones: Genau. Das ist so als Animation Director. Ich freue mich auch schon wieder darauf, frei zu haben.

Wann denkst du, hast du wieder einmal eine längere Zeit frei?

Andrew R. Jones: Ich gehe davon aus, dass ich bis im Frühjahr 2019 an diesem Projekt arbeiten werde. Danach ist das Ziel, eine längere frei zu nehmen. Wenigstens bis Ende des Jahres, vielleicht auch eineinhalb Jahre

Du befindest dich aktuell in London. Woran arbeitest du gerade?

Andrew R. Jones: Ich arbeite wie schon bei The Jungle Book (2016) erneut für die Moving Picture Company: MPC. Diesmal jedoch an einem Remake von «The Lion King». Wir arbeiten mehr oder weniger in demselben Team. Das gesamte Projekt ist jedoch viel größer. «The Jungle Book» beinhaltete 600, vielleicht 700 Szenen, mit von A bis Z animierten Tieren. Lion King wird 1400, vielleicht 1500 solcher Animationen beinhalten! Wir verrichten damit also ziemlich genau die doppelte Arbeit.

VorschaubildThe Jungle Book - Andrew R. Jones, Animation Director im Interview

Habt ihr auch dementsprechend mehr Zeit?

Wir haben ein bisschen mehr Zeit, jedoch nicht proportional. Na ja, das macht das Ganze natürlich etwas herausfordernder. Es macht jedoch großen Spaß und es sieht unglaublich gut aus. Die Qualität der Animationen, wurde durch die Ansprüche des Regisseurs Jon Favreau gar noch erhöht. Jon möchte komplett Foto-reale Animationen.

Dein Job als Animation Director, wie kann man sich den eigentlich genau vorstellen? Bist du sozusagen das Glied zwischen Regisseur Jon Favreau und deinem VFX-Team?

John Favreau, Regisseur
John Favreau, Regisseur | © Foto: IMDB

Andrew R. Jones: Ja, im Großen und Ganzen ist das so. Als Animation Director arbeite ich eng mit den Animation Supervisoren von MPC zusammen. Die Supervisoren leiten ihr Team und zeigen mir dann die Animationen, welche ich dann Jon zeige. Ich vertrete also auch seine Interessen und seine Ansprüche dem Animation-Team gegenüber. Ich weiß, was Jon will.

«The Jungle Book» war ja bereits fotorealistisch. «The Lion King» soll nochmals besser werden?

Ja, es wird noch besser sein! Wenn du dir den Film ansiehst, solltest du das Gefühl einer Doku haben. Nur dass die Tiere in diesem Fall miteinander sprechen und interagieren (lacht).

Wir arbeiten mit einer neuen Technologie, welche auch in drei Jahren immer noch unglaublich sein wird. Und um das zu können, musst du dich an der vordersten Front der technologischen Entwicklung befinden. Unser Team besteht aus den talentiertesten Leuten weltweit, welche auch enorm hart arbeiten können.

Was wir tun, ist wie fotorealistisches Malen.
Andrew R. Jones, Animation Director

Jeder Pixel von einem meiner Mitarbeiter gezeichnet. Unser ganzes Team muss aus dem Kleinsten heraus etwas zusammenbauen, was schlussendlich wunderschön anzuschauen ist.

The Lion King Animation Director Andrew R. Jones Interview
The Lion King (2019) | © Walt Disney Pictures

Eure Computer, sind dies normale auf dem Markt erhältliche Maschinen? Eure Animationen sind wie es sich anhört sicherlich ultrakomplex. Mit Millionen von Details!

Viele Heimcomputer oder speziell Computer, welche fürs Gamen optimiert wurden, sind genauso schnelle Maschinen, wie die, auf welchen wir arbeiten. Wenn es jedoch um das Rendering geht, dann ja: Dazu brauchen wir nur die besten und schnellsten Maschinen mit den weltweit besten Grafikkarten.

Vor noch nicht allzu langer Zeit renderten wir an einem Tier vielleicht ein paar hunderttausend Haare. Heute befinden wir uns im Millionen-Bereich.
Andrew R. Jones

Der Computer muss jedes Haar individuell berechnen. Jedes einzelne Haar hat seine Eigenschaften, wie es sich im Licht und Wind verhält. Tönt enorm komplex. Und ja, es ist auch enorm komplex. Haar unterschätzt man so schnell. Dabei ist es für einen realistischen Eindruck so enorm wichtig!

Wie sich das Licht auf ein Haar auswirkt, folgt auch mathematischen und optischen Gesetzmäßigkeiten: Jedes Haar ist lichtdurchlässig. Dieser Wert gilt es als Animation Director zu berücksichtigen. Nicht nur für die Haare eines Charakters, sondern für alle. Dazu hat jedes dieser Millionen von Haaren individuelle Eigenschaften.

Wie geht ihr bei Dialogen vor? Die Tiere sprechen mit Stimmen von Schauspielern. Auch das muss so realistisch aussehen, dass ein Gefühlsausdruck entsteht?

Andrew R. Jones: In diesem Fall haben wir manchmal in einer sog. Blackbox gearbeitet, welche man sich als eine Art Raum vorstellen kann. Dort lassen wir die Schauspieler, miteinander interagieren. Manchmal mit, manchmal ohne Skript. So bekommst Du als Animation Director Informationen über so grundlegende Dinge wie Augenkontakt. Jedoch ist es normalerweise so, dass man einem Schauspieler arbeitet, nachher mit einem anderen. Obschon die beiden am Ende als Tiere in derselben Szene vorkommen, sprechen die gar nie zusammen.

Auch beim Remake von «The Lion King» gibt es Timon und Pumba. Sehr wichtige Charaktere, welche gute Stimmung verbreiten. Die Stimmen dafür stammen von Billy Eichner (Timon) und Seth Rogen (Pumba). Hier haben wir extra beide miteinander eingeladen. Auch, damit die beiden zusammen improvisieren können. Aus solchen Darbietungen gewinnen wir wertvolle Daten. Bei solchen Sessions sind normalerweise auch der Drehbuchautor, der Editor und der Regisseur anwesend.

Bist du jemand, der es genießt, ins sprichwörtlich kalte Wasser geworfen zu werden? Es scheint mir, als möchtest du in jedem neuen Projekt auch etwas Neues erschaffen.

Ja, das stimmt tatsächlich. Das tönt definitiv nach mir. Ich langweile mich schnell, wenn es immer und immer wieder dasselbe ist. Während meiner ganzen Karriere habe ich stets nach Projekten gesucht, welche mich herausforderten. «The Jungle Book» zum Beispiel, das war eine echte Herausforderung als Animation Director. Zunächst schien es, als werde «The Lion King» einfach ein weiteres «The Jungle Book». Aber nachdem ich mit Jon gesprochen habe und gemerkt habe, wie weit er gehen will, wusste ich, dass da viel Neues kommen würde.

Interessant ist auch, dass wir bei «The Jungle Book» einen menschlichen Schauspieler hatten (Neel Sethi in der Rolle des Mowgli). Man nennt dies einen ‚Live Action Movie’. Bei «The Lion King» fehlt dieses Element gänzlich. Es gibt nur animierte Tiere, welche auch die schauspielerische Leistung des Films tragen. Das ist eine totale Herausforderung!

Du hast zu Beginn der 1990er-Jahren den Design-Studiengang an der University of California in Los Angeles (UCLA) absolviert. Während deines ersten Studienjahres hast Du dann offenbar ein Erlebnis gehabt, welches dein Interesse an der Animation weckte, richtig?

Andrew R. Jones: Das ist so. Der Pixar-Film Luxo Jr. (deutsch: ‚Die kleine Lampe’, 1986) von John Lasseter war der Auslöser. Weißt du, im Pixar-Logo gibt es diese Lampe, welche ins Schriftbild hüpft. Das ist Luxo. Dies ist der Film, der vielen Leuten gezeigt hat, welches enorme Potenzial in der Computeranimation schlummert. Einer meiner Professoren hat mir den Film gezeigt. Ich erinnere mich genau diesen Augenblick.

Es war einer dieser Momente der Erleuchtung: Ich wusste, dass dies mein Ding ist! Auch, weil ich ein eher durchschnittlicher Illustrator war. Nicht schlecht, jedoch nicht mit dem Talent gesegnet, um es mit den Disney-Leuten aufzunehmen. So habe ich dann begonnen, mir immer mehr Fertigkeiten für die Animation beizubringen. Tag und Nacht.

VorschaubildLuxo Jr. - Andrew R. Jones, Animation Director im Interview

Wie ging es danach weiter? Es ging ja doch noch eine gewisse Zeit bis zu deinem Abschluss?

Andrew R. Jones: Ich habe erstmals ein an der Uni ein Praktikum gemacht. Dort konnte ich bereits an einem Ridefilm-Projekt von SEGA mitarbeiten. Ein Ridefilm besteht stets aus einer irrwitzigen Fahrt aus der Egoperspektive. Nach Arbeitsschluss blieb ich jeweils im Office, um für mich mehr über Animation zu lernen.

Ich hatte einen etwas älteren Kollegen, welcher mir auch half, die benötigte Software wie Soft Image kennen zulernen. Auch nach diesen Unterrichtseinheiten blieb ich bis spät in die Nacht und lernte, wie man animiert. Niemand war mehr da (lacht). So wurde ich immer besser und besser und konnte so auch immer mehr Verantwortung übernehmen. Schlussendlich war ich verantwortlich für die ganze Kamerabewegung.

Kurz danach konntest du dann auch gleich bei Digital Domain einsteigen?

Ich war ein Design-Student. Computeranimation konnte man zu dieser Zeit noch gar nicht studieren. So ging ich zu meinem Professor, um Ihn über meine Zukunftspläne zu informieren und ihn zu beten, mich einen Kurzfilm in diesem Bereich als Abschlussarbeit realisieren zu lassen. Er sprach mir seine Unterstützung aus und ich konnte mich praktisch das ganze letzte Jahr auf mein Projekt fokussieren. Ich erhielt also volle Unterstützung von meiner Uni. Das war eine ganz tolle Chance, welche ich erhielt. Und es hat sich gelohnt, denn dieser Kurzfilm hat Digital Domain davon überzeugt, mich anzustellen.

James Cameron, Regisseur
James Cameron, Regisseur | © Foto: IMDB

Und dann kam James Cameron mit «Titanic». Einem Riesenfilm in allen Belangen. Und du warst bedeutender Bestandteil davon. Wie ging das?

Andrew R. Jones: Ich arbeitete bei Digital Domain und hatte meine eigenen Projekte im Werbefilmbereich. Eine tolle Arbeit. Denn ich durfte viele verschiedene Teilbereiche wie Rigging abdecken. Meine Fähigkeiten mussten also sehr breit sein.

Bei Titanic waren dann erstmals nur meine Fähigkeiten im Animationsbereich gefragt. Aber wie kam es dazu? Der Supervisor von James Cameron hat mich eines Tages kontaktiert. Er ließ mich wissen, dass sie mich gerne bei dem Projekt an Bord haben wollten. Zuerst war ich gar nicht so sehr begeistert. Denn es war eine ziemlich lange Zeitspanne, für welche ich mich verpflichten musste.

Mein Job beinhaltete viele Reparaturen von Motion Capture-Sequenzen. Plötzlich hieß es jedoch, dass man in den Sequenzen, wo die Passagiere und Crew-Mitglieder über Bord stürzen und ins Wasser oder auf irgendwelche Dinge prallen, Probleme hätte. Denn man konnte diese Sequenzen weder mit Motion Capturing noch mit Stunt Capturing zufriedenstellend produzieren. Dies führte dazu, dass wir auch viele dieser ‚fallenden Leuten’ komplett animieren mussten. Ich dachte mir: sounds like a lot of fun … das klingt wie eine tolle Herausforderung!

Und die Technologie damals, die hat das allem Anschein nach mitgemacht. Aber wie habt ihr das hingekriegt? Das muss je ewig gedauert haben, beim Rendern?

Es war viel langsamer als heute. Für damals war es OK. Viele der animierten Modelle, waren eher einfacher in ihrer Machart. Zudem war es eine Nachtszene, was vieles vereinfachte.

Wenn du dir diese Sequenzen heute anschaust, was denkst du dir dabei?

Vorschaubild

«Titanic» war schon ein Vergnügen. Manche Sequenzen sind toll herausgekommen. Mache eher weniger. Aber der Film kompensiert das mit anderen Aspekten. James Cameron ist ein Meister darin, eine Geschichte zu erfinden und diese perfekt zu erzählen. Speziell verbunden mit großen Actionszenen. Storytelling ist ihm unglaublich wichtig und er macht das unfassbar gut!

James Cameron wollte bei Avatar (2009) erneut mit dir zusammenarbeiten. Dieser Film hat mich total überrascht, denn ich war mit meinen Gedanken plötzlich gar nicht mehr bei der noch nie dagewesenen Technik, sondern ich habe einfach den Film genossen.

Avatar war als Film schon eine riesige Herausforderung. Der Film ebnete den Weg für so viele Elemente. Dazu zählen die komplett digitale, fotorealistische Umgebungen oder digitale Charaktere, welche menschlich wirken und eine schauspielerische Leistung vollbringen. Die Tiere und Kreaturen, welche vielfach sechs Beine hatten, waren enorm aufwendig. Vor allen, da wir kein wirkliches motorisches Vorbild hatten, an welchem wir uns orientieren konnten. So mussten wir sehr erfinderisch werden.

James Cameron hat immer gesagt, dass wir die Leute in den ersten zehn Minuten ‚abholen’ müssen. Dann sind sie in der Geschichte drin.
Andrew R. Jones, Animation Director

Zudem war Avatar drei Stunden lang. «The Jungle Book» dauert nur halb so lange.

VorschaubildAvatar: Andrew R. Jones, Animation Director im Interview

Was bist du eigentlich: in erster Linie Künstler oder Techniker?

Ich denke, dass ich zuallererst kreativ bin. Gleichzeitig bin ich jedoch technisch sehr begeistert. Ich liebe es, Puzzles zu lösen oder mit dem Rubiks Cube zu spielen. Und dies schon seit ich ein Kind bin. Lösungen für Probleme zu finden, das mag ich.

Meine Arbeit hat viel damit zu tun, das richtige Leben genau zu studieren. Wenn ich zum Beispiel eine Naturdokumentation ansehe, schaue ich sehr genau hin. So genau, dass wenn ich an meinen nächsten animierten Shot arbeite, ich jederzeit auf diese feinen detailreichen Beobachtungen zurückgreifen und diese in meine Arbeit einfließen lassen kann.

Wenn du dann eben wochen- oder monatelang viele Stunden täglich an so einem Projekt arbeitest, erreichst du dann auch einen Punkt, wo du sagst ‚fertig! ’? Auch wenn vielleicht der Regisseur antwortet ‚Nein, wir sind noch nicht fertig’?

Schlussendlich ist das was wir tun Kunst. Und gleich, welchen Künstler du fragst, die Arbeit ist nie wirklich fertig. Wenn die Deadline da ist, musst du loslassen können. So war es bei jedem Film, bei dem ich einen Teil davon war.

Dann ist es gut, es gibt Deadlines! Sonst wärst du wahrscheinlich immer noch an «Titanic».

(Lacht) Ja, etwa so.

Lass uns das Thema wechseln: Du lebst mit deiner Familie in der Schweiz. Deine Frau ist Schweizerin. Magst Du etwas darüber erzählen?

Es ist ein bisschen tricky. Ich werde aus Los Angeles bezahlt. Wenn du die Leute bei Disney fragst, also für die lebe ich noch immer in LA (lacht). Ich bin immer noch stark mit Hollywood verbunden. Ich arbeite für das aktuelle Projekt aber in London und meine Familie lebt in der Schweiz.

Ich fliege jedes Wochenende zurück um Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Anfangs Woche bin ich dann wieder in London, in meinem Apartment und bei der Arbeit. Aber wenn ich das aktuelle Projekt beendet habe, ist mein Ziel schon, den nächsten Frühling und Sommer in der Schweiz zu genießen.

Verstehen deine beiden Kids, was es mit deinem Beruf auf sich hat?

Bevor ich meine Arbeit an «The Jungle Book» begann, verbrachte ich viel Zeit zu Hause mit meinen Kindern. Mein Sohn war damals sechs oder sieben. Er hat dann gedacht, dass alle Väter immer zu Hause sind mit ihren Familien. Heute ist er neun Jahre alt, meine Tochter ist zwölf. Ich denke, jetzt begreifen sie schon, wie der Hase läuft.

Wie schaffst du es, beide Welten – beruflich und privat – zu kombinieren?

Andrew R. Jones: Das ist manchmal schon schwierig. Aber ich habe auch eine wirklich supertolle Frau! Wir haben uns 2000 in Hawaii getroffen, als Sie als ‚Coordinator in Animation’ gearbeitet hat. Sie weiß wie es ist, wenn man bis über beide Ohren in einem Projekt steckt. Ehrlich gesagt, bin ich ein Glückspilz, denn wir sind ein tolles Team. Wir ergänzen uns hervorragend. Und weißt du, sobald ich dann ein Projekt abgeschlossen habe, bin ich zu Hause und zu 100 % mit meiner Familie. Bis es dann wieder losgeht. Es ist schlussendlich dasselbe für alle in diesem Geschäft – egal ob Du Regisseur oder Animation Director bist.

Ist es in deinem Job möglich, auch von zu Hause oder von einer Location deiner Wahl aus zu arbeiten? Heute in der vernetzten Welt, mit Livestreams, Cloud sharing, Voice over IP?

Lustig, dass du fragst. Ich habe mich in letzter Zeit sehr mit der Machbarkeit und der dafür benötigten Technologie beschäftigt. Heute besteht mein Job zu einem großen Teil daraus, dass mir die ‚Animation Supervisor’ ihre Szenen zeigen und ich danach Feedback dazu gebe.

Zum Beispiel, so wie wir beide jetzt per Skype sprechen – Du in der Schweiz, ich in London – funktioniert dies ja perfekt. Ich müsste als Animation Director einfach einwandfreie Einsicht in das animierte Material erhalten können. In diesem Interview sehe ich dein Bild zwar sehr gut, jedoch mit zu viel Licht, das von außen eindringt.

Um meinen Job zu machen, muss ich das Material in perfekter Qualität ansehen können. Aber ich denke, dass dies die Technologie bald ermöglichen wird. Das Internet wird immer schneller und schneller. Könnte also sein, dass sich dies in der nahen Zukunft so abspielen könnte. Das wäre tatsächlich cool.

Hans Zimmer, Komponist
Hans Zimmer, Filmkomponist | © Foto: IMDB

Ah, etwas wollte ich dir noch erzählen: Ich bin in Hans Zimmers Studio in LA gewesen!

Oh, das klingt spannend!

Hans Zimmer hat den Oscar für den Original «Lion King» (1994) gewonnen, damals. Es war spannend, in seinem Studio zu sein. Und einen Einblick in die Musik zu erhalten.

Kommt es häufig vor, dass du mit Leuten aus anderen Disziplinen zusammenarbeitest?

Ja: Nebst der Regie hast Du als Animation Director immer auch mit dem Editor und dem Drehbuchautor einen Dialog. Bei der Musik ist die Antwort: Ja, manchmal gibt es einen Abgleich. Da es sich bei «The Lion King» um sehr viel Musical-Material handelt und wir unsere Animationen dann anhand der Rhythmik und Spannungskurven der Musik erstellen, spielt die Musik bei diesem Projekt eine außergewöhnliche Rolle. Das war dann eben auch der Grund, warum ich Hans Zimmer in Los Angeles besucht hatte.

Jon Favreau (der Regisseur von «The Lion King», Anm. d. Red.) weiß, dass ich Zukunft selbst als Regisseur arbeiten möchte. Jon hat diese wunderbar kollaborative Art, wie er mich Einblick haben lässt in viele seine Arbeitsschritte. Da begleite ich ihn dann zum Beispiel eben auch in den Schnittraum, wo meine Animationen editiert werden.

Du konntest in der bisherigen Laufbahn nicht nur in epochalen Projekten mitwirken, sondern hast auch mehr als 19 Awards gewonnen, darunter zwei Oscars. Was bedeuten dir solche Ehren?

Als ich frisch meine Laufbahn startete, da hatte ich schon irgendwie den Traum, eines Tages den Oscar zu gewinnen. Und als es das erste Mal passierte, war es unbeschreiblich! Es war ein Meilenstein, den ich als Animation Director erreicht hatte.

Unter dem Strich ist ein Oscar wie ein Fußballpokal. Es ist lustig, denn ich denke nicht viel daran, dass ich zwei Oscars gewonnen habe.
Andrew R. Jones

Manchmal sehen die Leute die Statuen und dann geraten sie aus dem Häuschen. Aber ich denke, zum jetzigen Zeitpunkt bedeuten diese Awards anderen Leuten weitaus mehr als mir selbst als Animation Director. Klar, es sagt sehr viel, dass ich Oscarpreisträger bin. Hmm. Weißt du, der Effekt, den die Oscar-Statuen haben, ist lustig zum Beobachten wenn du den Oscar Leuten zeigst, die noch nie einen in der Hand halten konnten.

Aber es ist schon etwas surreal und hoffentlich hat es mein Ego nicht negativ beeinflusst. Aber: Meine Frau würde mir das sofort sagen! (lacht).

Hältst du gelegentlich auch Ausschau nach neuen Talenten?

Andrew R. Jones: Gute Frage! Ich bin immer auf der Suche nach neuen Talenten. Als wir das aktuelle Projekt in Angriff nahmen, brauchte ich wirklich talentierte und effiziente VFX-Artisten. Da habe ich mich dann weltweit schlau gemacht. Darum habe ich auch meine Freunde bei WETA (u.a. «Herr der Ringe» und «King Kong») in Neuseeland angerufen und bei ihnen nachgefragt. WETA hat mir dann auch jemanden empfohlen. Sie sagten: «Wenn du den kriegst, das wäre fantastisch!».

Ich rief diese Person an. Sie war in Vancouver und begeistert, dass ich mich bei ihr melde. Heute arbeiten wir noch immer zusammen und diese Person ist unglaublich gut. Es ist auch lustig, wenn du plötzlich wieder jemanden findest, der derart begeistert und motiviert ist, wie ich es damals war: Leute, die trotz ihrem unglaublich hohen Level immer noch ständig lernen und lernen und lernen …

Weißt du, auf diesem Level kannst du einem Animator nicht mehr etwas über Animation beibringen! Darum spreche ich meistens über die künstlerische, schauspielerische Seite einer Szene, anstatt darüber, wie wir etwas am besten animieren undsoweiter. Klar: es gibt immer irgendwelche technische Probleme, die man ansprechen muss. Aber echte Profis sehen und kennen diese Herausforderungen selbst, thematisieren diese selbst und lösen die Probleme eigenständig. Darum sind sie Profis.

Andy, ein ganz großes Danke für Deine Zeit und für dieses Interview und die interessanten Einblicke in Deine Arbeit als Animation Director!

Nebst diesem Interview mit Andrew R. Jones findest Du bei Filmpuls dank des weltweiten Netzwerks der Redaktion weitere, ebenso exklusive wie persönliche Einblicke in das professionelle Filmschaffen:


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Neil Raouf
Wer ist Neil Raouf? 10 Artikel
Neil (32) ist Sound Designer/Komponist. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Zürich. Kontakt: neil(at)mera.film.

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